
Pazifistisches aus der Retorte
Ein Artikel von Thommi Herrwerth
Mitte der sechziger Jahre war Protest angesagt. Immer mehr
Halbwüchsige zogen Parka, Jeans und Gammellook den bis dato obligaten
Kleidungsstücken wie Kostüm, Krawatte und Nyltest-Hemd vor, und in Jugendzimmern
wurden die ersten Che Guevara-Poster gesichtet. Parallel dazu änderte die
Generation der jungen Rebellen mehr und mehr auch ihre musikalischen Vorlieben:
Namen wie Bob Dylan oder Joan Baez gewannen immer mehr an Einfluß. Sie griffen
in ihren "Protest-Songs" politische Themen auf und vertraten lautstark
pazifistische Positionen. Donovan prangerte in "Universal Soldier" sturen
militärischen Gehorsam an, den Allzweck-Soldaten, der blind mordet, wann immer
er dazu geheißen wird. Barry McGuire thematisierte in "Eve of destruction" die
seines Erachtens bevorstehende Apokalypse der Menschheit, und "Blowing in the
wind", ein von Dylan geschriebener Song, wurde in einer von Peter, Paul und Mary
gesungenen Version zu einer Art weltumspannenden Friedenshymne. Und nicht nur im
anglo-amerikanischen Sprachraum, auch in den meisten anderen westlichen Ländern
gerierte sich Popmusik immer aufsässiger: In Frankreich sang der langmähnige
Protest-Barde Antoine (besonderes Kennzeichen: Hemd mit Blümchenmuster) gegen
Krieg und für die Pille und in Italien fragten sich Beatnik-Gruppen wie I Nomadi
oder I Rokes angesichts des fahrlässigen Umgangs der Eltern-Generation mit
Mutter Erde: "Che colpa abbiamo noi?" (Was können wir dafür?) Nur in Deutschland
blieb noch eine ganze Weile alles beim alten: Roy Black schmachtete "Ganz in
Weiß mit einem Blumenstrauß", Heintje plärrte "Oma so lieb, Oma so nett" und
Freddy polterte "Ihr lungert herum in Parks und in Gassen. / Wer kann Eure
sinnlose Faulheit nur hassen?/ Wir! Wir! Wir!"
Mit solch plumpen Tiraden war bei jüngeren Jahrgängen natürlich kein Blumentopf
mehr zu gewinnen. Die Kluft zwischen Deutschlands etablierten Schlager-Machern
und großen Teilen des jugendlichen Publikums erschien unüberbrückbar. Allmählich
begann sich Panik auszubreiten, denn ein ganzer Berufsstand drohte auszusterben.
Irgendwie, so dachte man sich, muss es doch möglich sein, die Generation der
Beatniks und Protestler mindestens zum Teil wieder für den einheimischen Markt
zu gewinnen. Der Not gehorchend, versuchten die deutschen Plattenfirmen
verzweifelt, auf einen längst abgefahrenen Zug aufzuspringen. Die Gesetze der
Marktwirtschaft in Ehren - doch es ist schon verwunderlich, wie glatt den
Pressebetreuern der Plattenfirmen nun plötzlich für sie vermutlich ungewöhnliche
Sätze aus den Schreibmaschinen flossen wie "Protest anzumelden war schon immer
das Privileg der Jugend. Protest kennt keinen Kompromiß, und die Jugend auch
keinen. Das ist durchaus richtig und gesund" (sic!). Oder: "Ein zorniges junges
Mädchen. Ein mutiges und hartes Thema für eine junge und hübsche Sängerin, die
der Realität ins Auge sieht und sich nicht in einer Welt der Träume verliert."
Oder: "Ihre Lieder haben meist gesellschaftskritische Aussagen, die sich auf
Missstände beziehen, die jeden angehen oder zumindest stutzig machen sollten".
Letzteres Zitat bezieht sich auf eine zwanzigjährige Münchener Musikstudentin
namens Dominique, die als Protestsängerin made in Germany aufgebaut werden
sollte. Ihr Mentor war Gerhard Mendelsohn, der es in der Vergangenheit mit Stars
wie Gus Backus, Peter Kraus und Ted Herold stets vortrefflich verstanden hatte,
Interpreten und Songs zu lancieren, die dem Gusto junger Hörerinnen und Hörer
entsprachen. Er ließ Dominique Donovans "Universal Soldier" eindeutschen und
brachte den Song als "Der ewige Soldat" auf den Markt: "Er ist Muselman und
Hindu, Buddhist und Atheist, / ist Jude, Katholik und Protestant. / Und es
heißt: "Du sollst nicht töten!" in der Bibel im Koran. / Ist er blind, sieht er
die Schritt nicht an der Wand?" Resonanz auf diese Platte: keine. Die angepeilte
Zielgruppe hielt sich lieber weiter an das englische Original. Als dann ließ
Mendelsohn für die junge Dame Songs über das Wettrüsten ("Starfighter-Ballade")
und über die Schlechtigkeit der Welt ("Ist das die Welt, die wir mal erben
sollen?") schreiben. Resonanz: immer noch keine. Schließlich ließ er mit der
deutschen Teilung erstmals ein Thema zum Gegenstand eines "Protest-Songs"
werden, das bislang noch kein Vertreter der ausländischen Konkurrenz beackert
hatte: "Der Brief von drüben". Texter Ernst Bader reimte hierfür eine anrührende
Ost-West-Love-Story: "In deinem letzten Brief von drüben / sagst Du, die Zeit
war wunderschön. / Du bist verliebt, hast Du geschrieben, / wir müssen uns bald
wiederseh'n. / Und Du willst immer bei mir bleiben, / wenn keine Mauer uns mehr
trennt. / Doch was kümmert die großen Herren / unser kleines Happy-End?". Diese
lieblichen Zeilen kontrastierten mit einem Refrain voller Wumm und
Tschinderassassa: "Doch alle Räder stehen still, / wenn das Volk es will. / Und
dann führt dein Weg zu mir, / denn der Staat sind WIR!". Doch was ein Jahrzehnt
später in Udo Lindenbergs Song "Mädchen aus Ost-Berlin" ("Stell dir vor, du
kommst nach Ost-Berlin / und da triffst du ein ganz heißes Mädchen...")
glaubhaft und authentisch wirkte, das wurde 1966 im Falle von Dominique nicht
ganz zu Unrecht als Geschäftemacherei empfunden. Und so blieb auch diese
Aufnahme der
wackeren
Musikstudentin beharrlich in den Regalen der Plattenläden liegen. Doch Gerhard
Mendelsohn gab nicht auf: Er schickte sein Protest-Mädchen, das sich nach
eigener Auskunft für Politik nie sonderlich interessierte, gagenfrei zu
Veranstaltungen der Ostermarschierer. Doch auch das war umsonst. Kein Mensch
wollte Dominique hören, geschweige denn eine ihrer Platten kaufen. Eine
US-amerikanische Musikzeitschrift hingegen höhnte: "Selbst aus toten Soldaten
machen die Deutschen Gartenzwerge".
Unter Plattensammlern hingegen erfreuen sich Dominiques Scheiben heute recht
großer Beliebtheit. Ihre mitunter eher schrulligen und alles in allem unbeholfen
anmutenden Lieder erzielen mitunter Preise, die damals in den Sechzigern wohl
niemand für möglich gehalten hätte. Insgesamt erschienen meines Wissens vier
Singles von Dominique: "Der ewige Soldat" und "Aber ich wart auf dich" (Polydor
52 607), "Ist das die Welt, die wir mal erben sollen?" und "Wie es früher war" (Polydor
52 695), "Der Brief von drüben"und "Und was wird morgen sein?" (Polydor 52 723)
und last not least "Und wieder steht der Sonntag vor der Tür" und "Ich hab in
der Liebe..." (Polydor 52 836). Sie alle werden mit Preisen zwischen 20 und 30
DM gehandelt. 1966 wurde zudem eine LP von Dominique veröffentlicht: "Krieg im
Frieden" enthält neben fünf Titeln, die auf ihren ersten drei Singles
ausgekoppelt wurden, noch sieben weitere Protest-Songs: "Krieg im Land", "Das
Schlüsselkind", "Zeig mir eine Insel", "Man geht nicht mehr ohne Doppelkinn",
"Sergeant Marie" sowie zwei Eindeutschungen altbekannter Klassiker aus der Feder
von Bob Dylan: "Blowing in the wind" alias "Die Antwort weiß ganz allein der
Wind" und "Where have all the flowers gone?" alias "Sag mir, wo die Blumen
sind". In der Version von Marlene Dietrich
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| A)
Der ewige Soldat
(Sieht er die Schrift nicht an der Wand) B) Aber ich wart auf dich Polydor 52 607 (1965) |
A)
Ist das die Welt, die wir 'mal erben sollen?
B) Wie es früher war Polydor 52 695 (1966) |
A)
...und was wird morgen sein?
B) Der Brief von drüben Polydor 52 723 (1966) |
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| A)
...und was wird morgen sein?
B) Der Brief von drüben Polydor 52 723 (1966) |
A)
Ich hab' in der Liebe kein Glück
B) Und wieder steht der Sonntag vor der Tür Polydor 52 836 (1967) |
Aktualisiert
26.06.2007